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Die Schöne und das Biest

2010 ist das Jahr der Wiedergeburt von Chris Leben. Nachdem die Jahre
2008 und 2009 von einer Verhaftung, einer neunmonatigen Dopingsperre
und zwei Niederlagen in Folge geprägt waren, erschien Anfang dieses
Jahres ein völlig neuer Kämpfer, der mit zwei Siegen hintereinander an
seine früheren Leistungen anknüpfte. Ein verletzter Wanderlei Silva
ermöglichte Leben, der erst im Juni das letzte Mal gekämpft hat, bei der
womöglich größten Veranstaltung des Jahres einen Kampf gegen den
japanischen Superstar Yoshihiro Akiyama zu bestreiten.

„Das ist eine Gelegenheit, die ich nicht an mir vorbeiziehen lassen
kann“, freut sich Leben. „Wenn ich diesen Kampf gewinne, wird sich
vieles ändern.“ Das Wettkampfjahr des 29-Jährigen begann im Januar mit
einem einstimmigen Punktsieg über Jay Silva bei der UFC Fight Night 20.
Beim Finale von The Ultimate Fighter 11, das am 20. Juni stattfand,
überstand er in der ersten Runde einen erbarmungslosen Angriffssturm vom
bis dato ungeschlagenen Aaron Simpson, um ihn dann in Runde zwei durch
TKO auszuschalten.

„Vor dem Kampf gegen Aaron Simpson nahm ich mir vor, der Welt zu zeigen,
dass Chris Leben in Topform ist und an die Spitze der UFC gehört“,
erzählt Leben. „Er rückte mir ziemlich aggressiv zu Leibe und mein
Hauptziel war einfach nur Selbsterhaltung. In der zweiten Runde wollte
er mich auf die Matte werfen, aber es gelang ihm nicht. Als er merkte,
dass er mich nicht zu Boden bekommt, konnte man seinen Mut schwinden
sehen. Ihm war klar, dass er in Schwierigkeiten steckte. Danach war es
ziemlich leicht, den Kampf zu beenden.“

Eigentlich hatte Leben nach dieser anstrengenden Auseinandersetzung vor,
eine Weile in seiner Wahlheimat Hawaii zu entspannen. Das sollte jedoch
nicht lange anhalten. Wanderlei Silva musste kurzfristig den für UFC
116 geplanten Kampf gegen Yoshihiro Akiyama absagen. Gebrochene Rippen
und eine Knieverletzung machten eine Teilnahme der brasilianischen
Legende unmöglich. Die meisten hochrangigen Mittelgewichte innerhalb der
UFC waren bereits für andere Kämpfe eingeplant. Da Leben unverletzt und
siegreich aus seinem letzten Kampf hervorging und zudem einen ähnlich
aufregenden Kampfstil pflegt wie Silva, bekam er das Angebot, gegen
Akiyama zu kämpfen und sagte ohne zu zögern zu. Damit bestreitet zum
ersten Mal in der Geschichte der UFC ein Sportler zwei Kämpfe innerhalb
von zwei Wochen.

„Wenn die Fans Geld dafür ausgeben, um Chris Leben kämpfen zu sehen,
dann bekommen sie das wofür sie gezahlt haben“, sagt der Rüpel aus der
ersten Staffel von The Ultimate Fighter. „Ich will meine Fäuste
schwingen und eine gute Show abliefern. Ich glaube, das gelingt mir
meistens ganz gut. Ich steige in den Käfig und mache das, was ich immer
mache: meine Gegner ausknocken. Und alle Zuschauer werden zufrieden nach
Hause gehen.“

Yoshihiro Akiyama war von dieser Änderung zunächst nicht sehr
begeistert. Lebens ausgezeichnete Nehmerqualitäten gepaart mit seiner
ungeheuren Schlagkraft machen ihn für jedes Mittelgewicht, das nicht
Anderson Silva heißt, zu einem sehr gefährlichen Gegner. Zugleich war er
sich aber bewusst, dass es in der UFC keine einfachen Gegner gibt,
weswegen er den Kampf schließlich doch angenommen hat. „In der UFC
treten die besten Kämpfer an und ich will die ganze Welt herausfordern“,
erzählt Akiyama. „Ich wollte schon immer dort kämpfen. Ich will wie der
Profiboxer Manny Pacquiao sein. Ich will beweisen, dass sich asiatische
Sportler mit jedem auf der Welt messen können. Ein Sieg bei UFC 116
wird die asiatische Kampfsportwelt wachrütteln und immer mehr Menschen
in Amerika werden mich kennen.“

Seinen bislang einzigen Kampf in der UFC bestritt der 34-Jährige im Juli
vergangenen Jahres bei der geschichtsträchtigen Veranstaltung UFC 100.
Er lieferte sich mit Alan Belcher den „Kampf des Abends“ und flog mit
einem Punktsieg im Koffer zurück in seine Heimat. Ein solides, aber
nicht unumstrittenes Debüt in der UFC, mit dem eine Reise endete, die
fünf Jahre zuvor begonnen hatte. „Ich versuchte mich damals für die
Olympischen Spiele 2004 in Athen zu qualifizieren“, erinnert sich der
Judo-Goldmedaillengewinner bei den Asienmeisterschaften und den
Asienspielen. „Als ich es nicht in die Nationalmannschaft schaffte,
suchte ich nach einer Möglichkeit, mich auf eine andere Art
herauszufordern. Ich beschloss, mich von nun an dem MMA-Sport zu
widmen.“

Und das mit beachtlichem Erfolg: 13 Siege, zwölf davon vorzeitig, stehen
einer einzigen Niederlage aus dem Jahr 2005 gegenüber. Sein großer Ruhm
in Asien, insbesondere in Japan und Südkorea, hängt allerdings nicht
nur mit seinen sportlichen Errungenschaften zusammen. Akiyama nahm eine
CD auf, war Teil von Werbekampagnen, heiratete ein berühmtes Supermodel
und arbeitete selbst als Model vor der Kamera. Die Fans gaben ihm den
Spitznamen „Sexyama“, mit dem er sich erst nach einer Weile richtig
anfreundete. „Als ich zum ersten Mal davon hörte, war es mir peinlich“,
verrät Akiyama. „Aber mittlerweile gefällt er mir immer besser.“

„Sexyama, oder was?“ kommentiert Chris Leben. „Lustige Geschichte: Je
öfters ich im TV zu sehen bin, umso sexyer werde ich. Das ist ein
Ausdruck dessen, was ich im Käfig fabriziere. Dieser Typ macht sich
Sorgen um sein Aussehen und seine japanischen Seifenopern und rennt mit
Supermodels durch die Gegend. Das ist großartig für mich, denn das ist
nicht mein Gebiet. Im Käfig zu kämpfen ist mein Gebiet. Von mir aus kann
er ruhig sexy sein, aber ich werde ihn sexy ausknocken.“

Im Laufe seiner Karriere hat Eisenschädel Leben elf Gegner ausgeknockt
und vier zur Aufgabe gezwungen. Mit seiner aggressiven Kampfweise, die
von wilden Schwingern und Haken geprägt ist, ähnelt er dem Mann, den er
ersetzt – Wanderlei Silva. Großartig taktisch umstellen muss sich
Akiyama also nicht, außer dass Leben mit einer anderen Auslage kämpft.

Obwohl Akiyama die meisten seiner Kämpfe auf dem Boden für sich
entschieden hat, ist er auch im Standkampf nicht zu unterschätzen.
Oftmals wird vergessen, dass er nicht nur einen Schwarzen Gürtel im
Judo, sondern auch einen Schwarzen Gürtel im Shotokan Karate hat. „Ich
habe keine Scheu davor, einem Knockout hinterher zu jagen“, meint
Akiyama. „Wenn ich eine Lücke sehe, werde ich sie zu einem vernichtenden
Schlag ausnutzen. Wenn ich eine Möglichkeit sehe, Leben auf den Boden
zu werfen, werde ich auch das tun.“

„Akiyama ist ein guter Judoka, aber er ist kein Weltklasseringer“,
kontert Leben. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass er mich zu Boden
bringt. Und ich kann mir definitiv nicht vorstellen, dass er mich dann
unten hält. Seine einzige Möglichkeit wird sein, mit mir im offenen
Schlagabtausch zu stehen.“

Dort fühlt sich Leben am wohlsten und dort gelangen ihm seine größten
Siege. Er hat keinen Zweifel daran, dass Akiyama ihm im Standkampf
unterlegen ist. „Er ist ein Judoka, der gerne im Stand austeilt“, meint
Leben. „Seine Tritte sind sehr schnell. Er hält sich für einen
geschickten Standkämpfer, aber ich finde nicht, dass er sich besonders
geschickt anstellt. Mit Akiyama verhält es sich so wie mit jedem
anderen. Wenn sie sich entscheiden, vor mir zu stehen und Schläge
auszutauschen, landen sie auf dem Boden. Unterm Strich sieht es doch so
aus: Wer hat mehr Knockouts in seiner Kampfbilanz stehen? Das wird mein
15. Kampf in der UFC sein und ich habe einige der besten Kämpfer
ausgeknockt. Ich bin ein Kämpfer aus der Arbeiterklasse. Von mir werdet
ihr keine eingesprungenen Tritte sehen, keine verrückten oder
spektakulären Aktionen wie Herr Sexy sie gerne macht. Ihr werdet einen
Mann aus der amerikanischen Arbeiterklasse sehen, der in den Käfig
steigt und einfach seine Arbeit erledigt.“

Wenn Leben an diesem Samstag bei UFC 116 tatsächlich seine Arbeit
erledigt und den asiatischen Superstar ausknockt, befindet er sich nach
einer zweijährigen Talfahrt wieder da, wo er früher war und wo er seiner
Meinung nach auch hingehört: in den oberen Rängen der
Mittelgewichtsklasse der UFC.